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Ein Reisebericht

Tag 23 - Freitag


9 Uhr 30: bis vor einer halben Stunde hat es geregnet, jetzt ist es nur noch dunkel bewölkt, der Wetterbericht von BBC-Scotland begeistert auch nicht. Dafür ist den Engländern jetzt das ganze Ausmaß der Unwetterschäden bewusst geworden, man spricht jetzt offen von einer Katastrophe und ruft den entsprechenden Alarm aus. Ich sitze jetzt hier im nassen und kalten Edinburgh und muss zu mir selbst sagen: "Was hast Du doch für ein Schwein gehabt, Hartmut". Denn ich bin kurz vorher da durch ...

Der Pass Drumochter12 Uhr: Es hat keinen Zweck, noch länger zu zögern, ich muss weiter und fahre deshalb trotz der Wolken und der Kälte los. Denn ich habe ja jetzt wieder einen Termin: Dienstag um 16 Uhr an der Fähre und vorher am Loch Ness ein Foto machen. Ab Perth brauche ich keine Straßen mehr zu suchen, es gibt nur die eine, die Bundestraße A9 bzw. Europastraße E 15. Sie führt geradewegs auf das Loch Ness zu und teilt sich vor den Monadhliath Mountains. Dort muss man sich für "Rechts" entscheiden, was einen nach Inverness bringt am Ostende des Loch Ness oder für "Links", so erreicht man Fort Augustus am Westende. Ich entscheide mich für "Geradeaus" über den Bach Spey.

Bei meinen Recherchen für diese Reise bin ich in GoogleEarth auf den Straßennamen "General-Wades-Military-Road" gestoßen. Diese "Military-Road" führt über die erwähnten Berge mit dem unaussprechlichen Namen direkt nach Fort Augustus und das ist mein Ziel am Loch Ness. Also habe ich ein wenig weiter geforscht: der General bekam um 1720 den Auftrag, Wege nach Schottland zu bauen mit allem, was dazu gehört, vermutlich, damit die Engländer die Schotten besser in Schach halten konnten. So entstand durch ihn und seine Leute Anfang des 18. Jahrhunderts unter anderem die erste A-Road nach Fort Augustus. Ich beschloss während dieser Recherche, doch mal zu sehen, was von der Arbeit des Generals übrig geblieben ist nach fast 300 Jahren. Deshalb fahre ich jetzt über den Spey, weil hier die Straße eindeutig verlaufen sein muss. Wer sich selbst mal dort umsehen möchte: Am Dorf Laggan über den Spey, dahinter links und der Straße folgen.

Die SoDa-BrückeDie Straße ist zuerst eine ganz normale alphaltierte Single-Track-Road, die sich am Bach lang schlängelt, um einen See herum verläuft, mal diesen, mal jenen Hof berührt. Ungefähr am Dorf Garvamore treffe ich auf ein untrügliches Zeichen der alten Military Road: eine Soda-Brücke aus Feldsteinen gebaut, die sicher sehr alt ist. Eine Soda-Brücke ist eine, die einfach "so da" steht und diese Brücke steht eben einfach so da auf einem Feld nur wenige Meter abseits der Straße und kein Bach fließt unter ihr lang. Die einzigen, die diese Brücke auch heute noch benutzen, sind die Schafe hier auf der Weide. Heute benutze ich sie, ich kann es mir nicht verkneifen, den Roller für ein "Beweissicherungsfoto" oben drauf zu stellen.

Weiter geht es, bis ich an ein Viehgatter komme, in diesem Falle ein normales Gatter, das ich erst öffnen muss, um dann durchzufahren. Als ich es hinter mir wieder schließe, kommt von oben - also mir entgegen - ein Pkw mit einer 4 köpfigen Familie und hält neben mir. Die Frau beugt sich aus dem Fenster und fragt, ob ich "the bothy" suche. Ich kann mit dem Wort nichts anfangen und sie fängt an, zu beschreiben. Sie spricht sicherlich sehr gutes Gälisch, aber ich nicht und deshalb verstehe ich am Ende soviel, dass ich da schlafen kann und dass das ein Haus oben links an der Straße ist. (Wikipedia: "A bothy is a basic shelter, usually left unlocked and available for anyone to use without charge.").

General Wades Military RoadIch fahre also nach einem freundlichen "Danke für die Information" weiter und nur 100 Meter weiter wird die Straße ein Schotterweg, der schnurgerade in die Berge führt. Als ich für ein Foto absteige, sehe ich einen halben Kilometer weiter ein kleines Haus an der Straße. Ob es das ist?

Die zweite BrückeIch fahre weiter und sehe vor dem Haus eine Brücke in der Straße. Sie ist baugleich mit der von eben und sie steht jetzt auch so da mit dem Unterschied, dass ein Bach unter ihr lang fließt. Der Weg hat eine neue Brücke neben der alten bekommen und damit niemand über die alte fährt, liegt auf den Zufahrten je ein großer Felsblock. Offensichtlich Denkmalschutz.

The BothyJetzt sehe ich mir das Haus an, aus den gleichen Steinen gebaut, wie die Brücke und gleich alt. Die Tür auf der Wegseite ist durch ein Vorhängeschloss abgesperrt, auf der anderen Seite finde ich die eigentliche Haustür, die nur durch einen Schieberiegel zugehalten wird. Ich trete ein und bin im Hauptraum.

Der WohnraumHier finde ich eine offene Feuerstelle, 2 alte Tische und 6 Stühle, alle verschieden. In diesem Raum gibt es noch eine Tür, ein Schild hängt daran: "General Wades Office" und im kleinen Raum dahinter befindet sich nichts außer dem Bild des Generals an der Wand mit einer kurzen Erklärung, wer er war.

General Wades Office
Ich bin spachlos (gut, dass ich allein bin), nicht nur habe ich die "military road" gefunden, auch General Wades Bürohaus und weil mir jetzt klar wird, was ein "bothy" sein muss, steht fest: hier übernachte ich - heute hat das Zelt Pause! Auf dem Tisch liegt ein Buch, ein Jahreskalender 2007 mit je einer Seite pro Tag. Hier tragen alle, die das Haus besuchen, ihre Anwesenheit ein mit Anmerkungen, wie sie hierher kamen, warum sie hier waren und wie sie es hier fanden. Ich koche mir Tee - natürlich mit Wasser aus dem Bach - esse mein Abendbrot und lese das Buch: spannend! Als ich das Radio für einen Wetterbericht anmache: kein Empfang auf UKW, dafür kann ich die Lage im Irak und in Afganistan via Deutsche Welle verfolgen. Handy: Null, nichts, Mikrowellen ist es hier zu einsam!

Später schlage ich mein Bett im Büro von Herrn Wade aufDas Haus in der Landschaft und versuche zu schlafen. Und stelle fest: nach all dem Lärm, den ich auf den Zeltplätzen in den letzten Tagen ertragen musste, ist es hier viel zu still. Es ist nichts zu hören. Und mit "nichts" meine ich "nichts"! Einfach gar nichts! Kein Vogel, kein Schaf, Bäume sind nicht da, es regnet nicht, keine Maus im Haus. Als ich nochmal auf dem Weg zum Pinkeln durch das "Wohnzimmer" gehe, macht meine mechanische Taschenuhr in der Hosentasche dort einen Höllenlärm. Nicht falsch verstehen: die Uhr ist nicht lauter als sonst, aber nach 3 Stunden Stille habe ich ein anderes Hörempfinden.


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